In den Jahren 2022 und 2023 verbrachte der italienische Fotojournalist Ciro Battiloro mehrere Wochen in der rauen Normandie. Er wollte den Alltag der dortigen Fischer dokumentieren – einer Zunft, die jeden Tag ums Überleben kämpft. Neben den beeindruckenden Bildern, die er von seinen Besuchen mitbrachte, kam er zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Spiritualität und Handwerk sind wie ein Fischernetz miteinander verwoben. Er sprach mit uns über die Intimität beim Fotografieren, rhythmische Rituale, ein traditionelles Handwerk und ungünstige Wetterbedingungen.

Ihre Fotografie scheint Sie in die klassische humanistische Tradition zu stellen.
Ich habe einen sehr intimen Ansatz. Meine Fotos sollen still und ehrlich sein. Vor jedem Bild stehen Menschen mit ihrem Leben, an dem ich teilhaben möchte. Dies erfordert viel Zeit, Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Intimität ist etwas Außergewöhnliches, sie offenbart die Einzigartigkeit eines jeden menschlichen Lebens. Intimität, verstanden als Nähe und unmittelbare Präsenz, ist eine Form des stillen und diskreten Widerstands. Sie ist der Schutz vor dem Lauf der Zeit, vor existenziellen Krisen und vor all den trennenden Faktoren, die uns die heutige Gesellschaft auferlegt.

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Projekt Le Petit Souffle gekommen?
Ich wurde im Rahmen des Tremplin Jeunes talent of Planches Contact Festivals in Deauville für eine Künstlerresidenz ausgewählt. Das Tolle an diesem Festival ist, dass es alle unveröffentlichten Werke aus der Region ausstellt. Ich habe mich ein wenig mit der Geschichte der Region beschäftigt und gelesen, dass viele der Dörfer, die heute Touristenziele sind, einst Fischerdörfer waren. Ich entdeckte, dass es auch heute noch Fischer gibt, die das traditionelle Fischerhandwerk betreiben. So wollte ich ein Projekt über die Arbeiterklasse machen und über etwas sprechen, das im Kern der Identität dieser Orte steht.

Was bedeutet der Titel der Serie Le Petit Souffle?
Viele Fischerboote sind nach den Töchtern der Fischer benannt, begleitet von dem Adjektiv petit (klein), während souffle sich auf das Wehen des Windes bezieht, der allen Handlungen der Fischer einen Rhythmus gibt.

Wie sind Sie mit den Menschen und den Fischern in Kontakt gekommen und wie bekamen Sie Zugang zu den Booten?
Jeden Tag ging ich zum Hafen von Trouville, wenn die Fischerboote ausliefen oder vom Meer zurückkehrten. Am Anfang halfen mir Freunde vom Festival ein wenig mit der Sprache. Ich fing an, diese Momente zu fotografieren, und die Fischer lernten mich langsam kennen. Aber das Projekt entwickelte sich erst, als ich in Honfleur war.

Bitte erzählen Sie uns von Ihren Begegnungen.
Dort traf ich Fischer, die sich bereit erklärten, mich mit aufs Meer zu nehmen. Insbesondere verbrachte ich viel Zeit mit der Besatzung des Fischerbootes Le Petit Maylise. Als ersten traf ich Benoit. Es war ein Freitagmorgen, der Tag, an dem das Boot und die Netze nach Tagen auf See repariert wurden. Ich sah diese einsame Silhouette schon von Weitem, über die Netze gebeugt, in das sanfte Licht eines in der Normandie seltenen Sonnentages getaucht. Diese Szene hatte etwas höchst Spirituelles. Also stellte ich mich ihm vor und fühlte mich sofort sofort sehr verbunden. Dann lernte ich die anderen Besatzungsmitglieder kennen, den Kapitän Jean Philippe, Aurielen und die jungen Mathis und Dylan. Nachdem ich diese erste Herausforderung gemeistert hatte, hießen mich auch andere Boote an Bord willkommen.

Was hat Sie bei der Dokumentation der Fischer und ihres täglichen Lebens am meisten beeindruckt?
Als ich das Leben an Bord von Fischerbooten in der Normandie fotografierte, verstand ich, wie sehr die Fischerei, wie nur wenige andere menschliche Tätigkeiten, es schafft, den spirituellen und den handwerklichen Aspekt der Arbeit zu verbinden. Jede Geste der Fischer folgt dem Rhythmus des wehenden Windes und hat eine ganz bestimmte Bedeutung.

Bitte erklären Sie, was die Gesten bedeuten.
Die Kraft ihrer Arbeit spiegelt ein uraltes Ritual wider. Manchmal ist es ein Ritual eines harten, ermüdenden, aber ehrlichen Kampfes; in anderen Fällen ist es ein Ritual der Kontemplation, eines intensiven, respektvollen Betrachtens und Austausches mit der Natur. Die tiefen Abgründe bewahren Schätze und bergen Tragödien: Das Meer kann einem so viel geben, einem aber auch alles nehmen. Ein weiterer sehr interessanter Aspekt ist die Tatsache, dass das tägliche Leben der Fischer von ständigen Trennungen und Wiedervereinigungen geprägt ist. Ich möchte dieses Projekt dem Gedenken an Thierry, Akim und Allan widmen. Sie waren drei junge Fischer, die in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar bei einem Schiffsunglück vor Le Havre ums Leben kamen.

Erzählen Sie uns bitte von den Wetterbedingungen auf See vor der Normandie und wie Ihre Kameras damit zurechtkamen?
In der Normandie sagt man, dass man alle vier Jahreszeiten an einem Tag erlebt. Und es stimmt, dass sich die Wetterbedingungen sehr schnell ändern. Normalerweise ist der Himmel bedeckt, aber das Licht ist ein durchsichtiges Grau, das ich für Schwarz-Weiß-Fotos liebe. Wundervolle Lichtexplosionen sind selten. Oft gibt es Stürme. Auf See sind Wind, Regen und Kälte noch viel stärker und natürlich muss man, egal wie viel man riskiert, bedenken, dass es immer etwas gibt, das man nicht kontrollieren kann. Ich muss zugeben, dass meine Kameras mit schlechtem Wetter, Meerwasser und Wind sehr gut zurechtkamen.

Und zu guter Letzt: Hat die Serie Le Petit Souffle eine Botschaft?
Ich denke, dass in jeder Form des Ausdrucks eine politische Botschaft steckt, auch wenn dies nicht die primäre Absicht des Künstlers ist. Speziell Le Petit Souffle erinnert daran, dass die Fischerei vor den Küsten der Normandie seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Heutzutage gibt es jedoch mehrere Faktoren, die die Liebe und Besessenheit der Fischer für diese Arbeit auf die Probe stellen: die Ausbreitung der industriellen Fischerei, der Anstieg der Treibstoffpreise, die Probleme im Zusammenhang mit dem Brexit und das Projekt, Windkraftanlagen dort zu bauen, wo Fischereirouten verlaufen. Alle Fischer berichteten mir, wie schwierig es ist, ihr Geschäft in der heutigen Zeit fortzuführen, und dass sie ihren Kindern heute den Beruf nicht mehr empfehlen würden.

Ciro Battiloro wurde 1984 in Torre del Greco, Italien, geboren und
studierte Philosophie an der Universität Federico II in Neapel. Er verwendet einen intimen Ansatz und befasst sich mit dem täglichen Leben, um allgemeinere gesellschaftliche Fragen zu diskutieren. In den letzten Jahren konzentrierte er sich insbesondere auf die Erforschung städtischer Randexistenzen in Süditalien. Im Jahr 2015 wurde er ausgewählt für die 2. Auflage von LAB, dem von Antonio Biasiucci ins Leben gerufenen „Irregular Laboratory“, sowie für Künstlerresidenzen mit: Bocs Art, Up-Urban People und Tremplin Jeunes talent. Seine Arbeiten wurden in Magazinen wie LFI (08/2018), Spiegel, Die Nacht, Gup und Burn veröffentlicht. Seine Serien wurden in internationalen Galerien ausgestellt wie Galleria Lia Rumma, Galleria del Cembalo, Galerie vom Zufall und vom Glück, außerdem auf Festivals wie Planches Contact, Photo Is:rael, Festival de photo MAP Toulouse, In Cadaques, Helsinki Photo Festival, Cortona on the Move Festival und dem IMP Festival-International Month of Photojournalism. Sein erstes Buch Silence is a Gift erschien im März 2024. Erfahren Sie mehr über seine Fotografie auf seiner Webseite und seinem Instagram-Kanal.

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