Losgelöst von Raum, Zeit und einem bestimmten Ort fängt die Fotografin Momente des Alltags ein, die oft übersehen werden – eine Pause zum Durchatmen, eine Ruhepause zwischen Aktivitäten oder ein Wechsel von einem emotionalen Zustand in einen anderen. Ihr Projekt offenbart die universelle Präsenz des Vergänglichen in unserem Leben. Die poetischen und assoziativen Bilder laden den *Betrachter* ein, über diese alltäglichen Impulse nachzudenken, die den Rhythmus unserer Existenz bestimmen. Die Fotografin sprach mit uns über die Idee hinter der Serie, die sie 2021 im südfranzösischen Arles produzierte.

Wie finden Sie Ihre Themen und Geschichten?
Meine Beziehung zur Fotografie entstand eher durch Zufall. Ich hatte nie davon geträumt oder daran gedacht, dass ich eines Tages Fotografin werden würde. Die Fotografie hat mich buchstäblich gefunden, mich genährt und mir eine Stimme und einen guten Vorwand gegeben, die Welt zu erkunden und meine eigenen Grenzen und Vorurteile zu überwinden – insbesondere jene, die in meiner extrem katholischen und konservativen Erziehung wurzeln. Die Freiheit von dieser Vergangenheit ist der Katalysator für meine langfristigen Projekte. Mich inspirieren Menschen, die nach ihren eigenen Regeln leben. Meine Arbeit ist eine Hommage an sie alle.

Wie und wann entstand die Idee zu Intermission? Intermission begann als Übung während des Lockdowns 2020, als die Zeit still stand. Es ist mein eigenes egoistisches Projekt, bei dem ich mich einfach treiben lasse und nur aus einem einzigen Grund fotografiere: um dem Lärm und dem Chaos zu entkommen. Da es halb in einer surrealen Welt schwebt, muss es sich nicht mit der Zensur auseinandersetzen, der einige meiner Arbeiten ausgesetzt sind. Es kann sinnlich, sexuell und ätherisch sein. Und ich komme damit durch, weil es Kunst ist. Ich finde, das macht es zu meinem stillen Gesang des Protests und der Rebellion gegen die Zensur.

Bitte erklären Sie etwas zu Intermission. Worum geht es?
Dieses Fotoprojekt zielt darauf ab, jene flüchtigen Momente festzuhalten, die uns oft entwischen – die Atempausen, die Ruhe zwischen Aktivitäten und den Übergang von einem Zustand in einen anderen. Vom sanften Innehalten unbelebter Objekte in einem Museum bis hin zum Vergnügen eines alten Karussells enthüllt das Projekt die universelle Gegenwart des Vergänglichen in unserem Leben. Dieses Werk lädt den *Betrachter* dazu ein, über die Geschichten hinter den Bildern zu sinnieren und über die Bedeutung dieser scheinbar alltäglichen Momente nachzugrübeln, die den Rhythmus unseres Daseins prägen.

Was wäre der „Übergang von einem Zustand in einen anderen“?
Glück, Traurigkeit, Freude, Kummer – ich sehe all diese Gefühle als Teile unseres Menschseins und im Leben durchlaufen wir alle diese universellen Emotionen. Nichts im Leben ist statisch, nicht einmal das Leben selbst. Zwischen diesen Phasen gibt es jedoch Pausen und so entstand der Name dieses Projekts. Das Wort „Intermission“ bedeutet eine vorübergehende Pause. Es fasst die Bedeutung dieses Projekts und all seiner Ebenen zusammen.

Die Bilder wurden in Arles, Frankreich, aufgenommen. Warum haben Sie dort fotografiert?
Während sich meine Langzeitprojekte normalerweise um einen bestimmten Ort drehen, bricht Intermission aus dieser Vorgehensweise aus. Es ist eine grenzenlose Erkundung, die nicht durch geografische Grenzen eingeschränkt wird. Im Rahmen des Leica – VII Mentorship Awards verbrachte ich fünf Wochen in Arles bei einem intensiven Workshop der VII Foundation. Die Bilder in Arles sind meine eigene Reflexion dieses Moments. Arles ist zeitlos und wird es hoffentlich für immer bleiben.

Ihre Bilder sind düster, filmisch und poetisch. Worauf legen Sie beim Fotografieren den Fokus?
Wenn ich fotografiere, konzentriere ich mich in erster Linie auf das Licht. Ich beobachte ständig seine Quelle und wie es Schattierungen und Schatten formt. Das Licht ist mein Dreh- und Angelpunkt und dafür danke ich meinem Mentor am San Francisco Art Institute, Henry Wessel. Henry war ein wunderbarer Mann und ein sehr aufmerksamer Mentor. Er ist derjenige, der mich gefördert und ermutigt hat, meine Sichtweise zu erforschen und weiterzuentwickeln. Ich bin ein neugieriges Wesen. Ich denke und beobachte ständig – ich kann einfach nicht anders. Eine Hälfte von mir wohnt in meinem Gehirn, die andere Hälfte in meinem Blick und obwohl beide miteinander verbunden sind, neigen sie dazu, ihren jeweils eigenen Willen zu haben.

Warum haben Sie sich für Schwarzweiß entschieden?
Jedes Projekt legt seinen eigenen Ton an und von dort aus ist alles sehr intuitiv. Es gibt nur eine Ausnahme: die fast chirurgische Entscheidung, für jedes Werk die richtige Kamera auszuwählen. Bis 2019 besaß ich keine Digitalkamera. Ich hatte eine Mittelformatkamera (Hasselblad 500 cm) und mit nur 12 Bildern war sie definitiv nicht das richtige Instrument, als ich anfing, Burlesque zu fotografieren. Aus diesem fehlgeschlagenen Experiment sind einige wunderschöne Porträts entstanden. Es lehrte mich die Schönheit von Festbrennweiten und ihre Fähigkeit, Licht selbst bei sehr schlechten Lichtverhältnissen einzufangen. Der Film, den ich verwendete, war ein Kodak Portra 800 und das wurde zu meiner magischen Zahl. Ich habe nie über diesen ISO-Wert hinaus fotografiert, weil ich einfach nicht über 800 hinaus „sehen“ kann.

Mit welcher Ausrüstung haben Sie bei Intermission gearbeitet?
Vor dem Leica – VII Mentorship Award hatte ich noch nie eine Leica-Kamera besessen. Was Leica für mich auszeichnet, ist die Schönheit ihrer Stille. Diese Stille machte die Leica Q2 zu einer diskreten und respektvollen Verbündeten bei meinem Projekt Healers: Sex Work as a Calling. Die wenigen intimen Stunden, die ich mit jeder Person verbrachte, waren
so verletzbar, dass schon das Klicken einer Kamera diesen zauberhaften Moment wie ein Eindringling hätte zerstören können.

An welchen aktuellen oder zukünftigen Projekten arbeiten Sie und was planen Sie als nächstes?
Ich arbeite derzeit an einem neuen Projekt, in dem ich die verheerenden Auswirkungen radioaktiver Verseuchung untersuche. Es ist die Geschichte einer vergessenen Stadt, ihrer wunderschönen Landschaft, ihrer Beteiligung am Manhattan-Projekt und vor allem der Langzeitfolgen für ihre Bewohner. Diese Geschichte ist so komplex, dass Fotografie alleine nicht ausreicht, um sie zu erzählen. Das Projekt umfasst Video, Ton und intensive Recherchen.

Die 1980 in Lima, Peru, geborene Natalia Neuhaus begann ihre Karriere in Lima als freiberufliche Fotojournalistin für Zeitungen und Zeitschriften. Sie studierte Journalismus in Peru, wechselte aber 2007 zum San Francisco Art Institute (SFAI), um Fotografie zu studieren. Am SFAI wurde sie von Henry Wessel betreut und erwarb dort ihren Bachelor of Fine Arts. Im Jahr 2017 war sie eine der Empfängerinnen des Director’s Scholarship des ICP, was ihr ermöglichte, das Dokumentarfilm-Programm in Vollzeit zu besuchen. Das Beobachten und Verstehen anderer wurde zu einer Überlebensstrategie, die ihre Art zu fotografieren prägte, sei es das Fotografieren von allein alternden Babyboomern in New York City oder der Stille von New York City während des Covid-Lockdowns, wofür sie 2021 eine lobende Erwähnung beim Julia Margaret Cameron Award erhielt. 2022 war Neuhaus eine von drei Frauen, die für den Leica – VII Agency Mentorship Award ausgewählt wurden. Natalia lebt mit ihrer Frau und ihren zwei Hunden in Brooklyn, New York. Erfahren Sie mehr über ihre Fotografie auf ihrerWebseite und ihrem Instagram-Kanal.

Leica Q

Full Frame. Compact. Uncompromising.