
Dieser Artikel ist als Original im LFI Magazin 1/2013 erschienen. Text: OS
Seit dem Jahr 2000 gibt es das Summicron-M 1:2/28 mm Asph, und seitdem ist es auch das favorisierte Objektiv von Marco del Pra‘ an der M6 T T L. Für ihn ist es das ideale Instrument, um komplexe Erzählungen zu visualisieren.

Summicron-M
1:2/28 mm Asph
Diagonaler Bildwinkel: 75 Grad. 9 Linsen in 6 Gruppen, eine Asphäre. Filtergröße E46. Länge 40,8 mm, Durchmesser 53 mm, Gewicht 270 g

Das Summicron-M 1:2/28 mm Asph vereint viele technische Eigenschaften in sich, die es zu einem Evergreen in der M-Familie machen. Es ist Leicas erstes 28er mit dieser hohen Lichtstärke, und die universale Einsetzbarkeit, die daraus erwächst, wird nicht erkauft mit Kompromissen an anderer Stelle. Im Gegenteil bietet es alles, was man von einem Weitwinkel, das diagonal 75 Grad erfasst, je verlangen kann: Seine Streulichtresistenz ist legendär, es zeichnet knackscharf bis in die Ecken, und zwar bei allen Einstellungen bis hin zu Blende 2, und gerade Linien bleiben gerade, sprich es verzeichnet allenfalls unterhalb der Sichtbarkeitsgrenze. Bei all dem ist es sogar bemerkenswert kompakt, wenngleich es dennoch in die untere rechte Ecke des 28er Rahmens im Sucher ragt — wen dies stört und wer zudem kleine Hände hat, der mag lieber zum Elmarit-M 1:2.8/28 mm Asph greifen, dem mit Abstand winzigsten Objektiv im M- Sortiment.
Disziplinierung des Blicks. Den in Berlin lebenden Fotografen Marco del Pra‘ , Jahrgang 1979, stört dies nicht; das 28er Summicron ist ihm vielmehr seit zwölf Jahren ein treuer, an seiner M6 T TL fast ausschließlich verwendeter Begleiter. Wenn auch einer, dessen Potenzial er sich in permanenter, auch von Rückschlägen begleiteter Praxis erst erschließen musste. Im Vergleich zur klassischen M-Reportagebrennweite 35 mm zwingt das 28er, mit viel mehr Raum in der Bildfläche gestalterisch umzugehen, und während die nächst weitere M-Brennweite 24 mm schon durch spektakuläre perspektivische Effekte fast von selbst für Dramatisierung sorgen kann, wirken Bilder mit dem 28er noch viel natürlicher aufs Auge, was dem Fotografen wiederum mehr Mühe abverlangt, Spannung in die Fläche zu bringen. Marco del Pra‘ hat in Mailand Fotografie und an der Bauhaus- Universität Weimar Visuelle Kommunikation studiert, und angesichts dessen wundert es nicht, wenn er erzählt, dass die strengen Kompositionsprinzipien eines Wassily Kandinsky starken Einfluss auf die Entwicklung seines fotografischen Stils gehabt haben.
Die inhaltliche Thematik, die ihn umtreibt, kreist immer wieder um „die Grenzen Europas»; eine Serie, die dann zu seiner Diplomarbeit wurde, befasst sich mit dem Obst- und Gemüsenabau rund um Almeria in Spanien — in diesem Meer von Plastikplanen, in dem die Arbeit überwiegend von afrikanischen Immigranten zu Dumpinglöhnen geleistet wird. Dieses Projekt thematisiert verschiedene Aspekte: Umweltzerstörung, Flächenverschleiß, die Grauzone der prekären Beschäftigungsverhältnisse, die die Bedingung der Versorgung der EU mit billigem Grünzeug sind. Für eine weitere Serie ist er in die Slowakei gereist, um die Lebensbedingungen dort ansässiger Roma zu studieren — ein Projekt, dem er den Titel „Apartheid im Herzen Europas» gegeben hat. Migration und Minderheiten — dies sind die Sujets, deren fotojournalistischer Beschreibung sich der junge, von der Agentur Imagetrust vertretene Fotograf verschrieben hat.



Eindringliche Porträts von Menschen und ihren Lebensbedingungen: Marco del Pra‘ dokumentierte mit dem 28er Summicron den von Armut, Ausgrenzung und Anfeindung geprägten Alltag von Roma in der Slowakei
Kontext und Nähe. Die genannten Serien bestehen aus grafisch starken Bildern, die ihr Sujet kraftvoll charakterisieren, und bringen somit wunderbar zum Ausdruck, welche Vielseitigkeit dem 28er innewohnt, wenn es darum geht, eine konzentrierte und zugleich kontextreiche fotografische Erzählung zu schaffen. Aber wie gesagt, es war ein Stück Arbeit, sich die Brennweite zu erschließen. „Ich habe es mir irgendwann als Strategie angewöhnt, nach der groben Festlegung des Ausschnitts immer noch einmal einen Schritt nach vorn zu gehen», erzählt del Pra‘ zum Beispiel. „das ist sehr wirkungsvoll für die Präsenz des Hauptobjekts im Bild.» Denn die gestalterisch größte Gefahr im Umgang mit einem Weitwinkel ist, sich von der Weite des erschlossenen Raums beeindrucken zu lassen, nur um beim Blick aufs Negativ festzustellen, dass der Vordergrund spannungslos dahindümpelt.
Aber nicht nur das: auch das Gesamtarrangement aus Vorder-, Mittel- und Hintergrund profitiert vom „Schritt nach vorn», indem dieser die Bildebenen in eine rhythmische Beziehung treten lässt. „Gerade wenn ich große Abzüge mache, etwa für eine Ausstellung, ist es toll zu sehen, wie der Eindruck von Nähe mit der Vermittlung von Umfeldinformationen zu einer Einheit verschmilzt.» 28-mm-Bilder können den Betrachter förmlich einhüllen, ohne dass eine allzu plakative Weitwinkelwirkung schon wieder verfremdend und letztlich vom Bild entfremdend wirkt.



Industrielle Agrikultur prägt die Gegend um Almeria, Spanien, und manifestiert sich in einem unendlich scheinenden, bizarren Plastikmeer. Zumeist leisten afrikanische Tagelöhner zu prekären Bedingungen die Arbeit in diesem größten Gewächshauskonglomerat der Welt. Info: www.delpra.com
Fenster zur Welt. Dass der 28er Leuchtrahmen bei der Standard- Suchervergrößerung 0,72 der weiteste ist und also nicht nur einen Aufstecksucher verzichtbar macht, sondern auch und vor allem bei nahe das gesamte Blickfeld im Messsucher umfasst, lässt das 28er für Marco del Pra‘ zum idealen Instrument werden, um „intuitiv zu komponieren» — hier trifft das Wort vom M-Sucher als dem „Fenster zur Welt» am ehesten zu, denn alles, was man sieht, wird auch bildwirksam. Und genau darin besteht die Herausforderung: die Intuition so zu trainieren, dass der Blick jedes Detail, jede Konstellation im erfassten Raum als einen Teil der zu bildenden Komposition auffasst.

Marco del Pra‘ fotografiert fast nur auf Tri-X, die Dunkelkammerarbeit ist ein zentraler Aspekt der Leidenschaft, die die Fotografie mit M6 und 28er für ihn bedeutet. Wichtig ist ihm zugleich die Entschleunigung, die diesem Prozess innewohnt. Oft lasse ich die Negative sehr lange liegen, bevor ich mich ihnen wieder widme. Ich brauche diese Pause, um mich zunächst von der Emotionalität der Aufnahmesituation zu befreien. Erst dann kann ich mich dem Bild zuwenden und schließlich auch selbstkritisch beurteilen, ob es als Bild als solches Bestand hat.» Auch führt diese Haltung dazu, dass del Pra‘ sich das Interesse für ein Sujet über einen langen Zeitraum wach hält. Die genannten Schauplätze plant er demnächst, gleichsam im Rahmen einer Langzeitstudie, erneut aufzusuchen. Natürlich mit dem Summicron-M 1:2/28 mm Asph. OS
Comments (0)