Der Grund, aus dem Rania Matar selbst zur Kamera griff, war ein verunglücktes Bild für eine Weihnachtskarte. Daraus entwickelte sich eine große Leidenschaft für die Fotografie, ein Medium, mit der sie der Liebe zu ihrer Familie neuen Ausdruck verleihen konnte. Entstanden sind private Einblicke in ihren Alltag: ins Spiel vertiefte Kinder, träumend, lachend, schlafend.

Warum dokumentieren Sie Ihre persönlichen Familienmomente?
Als ich mit meinem vierten Kind schwanger war, haben wir jemanden kommen lassen, der Fotos unserer Kinder für die Weihnachtskarte machen sollte. Es herrschte ein absolutes Chaos und die Bilder wirkten aufgesetzt. Natürlich waren sie das: Sie waren für die Weihnachtskarte gemacht. Ich hatte an der Universität neben dem Architekturstudium auch viel im Bereich Kunst gemacht. Ich beschloss, abends Fotografie-Workshops zu besuchen – ursprünglich, um bessere Bilder von meinen Kindern zu machen. Ich habe mich in das Medium verliebt. Ich habe vier Kinder in einem ähnlichen Alter und so sieht unser Zuhause auch aus … Meine Kinder zu fotografieren, ließ mich die Schönheit sehen, selbst in diesem Tohuwabohu. Es hilft mir, mit dem Stress der Mutterschaft umzugehen und diese flüchtigen Momente festzuhalten. Dieser frühen Arbeit verdanke ich meine gesamte spätere Fotografie.

Was können Erwachsene aus dem Leben von Kindern lernen?
Ich bin dankbar, dass es zu der Zeit, als ich diese Arbeit machte, noch keine Laptops und iPhones gab. Meine Kinder genossen die ganz einfachen Momente des Kindseins, das Leben im Augenblick, das Staunen über die einfachen Dinge des Lebens. Mit ihnen zusammen zu sein und sie wirklich zu sehen (durch den Sucher!), hat mich damals gelehrt, alles andere zu vergessen, ganz im Augenblick zu leben und die einfachen Wunder der Dinge um mich herum zu sehen, die ich gar nicht mehr wahrgenommen habe. Ich hörte auf, mir Gedanken über das Abendessen, die Rechnungen usw. zu machen. Ich tauchte in ihre Welt ein, und es war magisch. Ich denke, das könnten alle Erwachsenen von ihren Kindern lernen – ich schätze diese Momente und erinnere mich mit großer Liebe an sie. Aber ich mache mir auch Sorgen, dass den Kindern heute mit all der Technologie etwas von diesem Zauber genommen wird.

Was sagen Ihre Kinder, wenn sie die Bilder heute sehen?
Ich hoffe, sie gefallen ihnen. Meine Kinder sind jetzt damit beschäftigt, erwachsen zu werden und ihren Weg in der Welt zu finden. Das Anhalten der Zeit ist kein Luxus mehr, den sie sich leisten können. Eines Tages werden sie sie sicherlich zu schätzen wissen. Ich tue es ohnehin!

Warum haben Sie sich bei diesem Projekt für die Arbeit mit einer Leica entschieden?
Ich habe zuerst eine Mamiya 7II benutzt, aber ich musste alle zehn Bilder den Film wechseln. Damals hatte ich einen Lehrer, Constantine Manos, der mir empfahl, eine Leica zu benutzen. Er war ein großartiger Fotograf und ein Mentor für mich. Da ich gewohnt war, mit einem Messsucher zu fotografieren, war der Übergang nahtlos und ich verliebte mich in die Kamera. Sie war klein und leise – meine Kinder haben meine Anwesenheit einfach vergessen.

Sollte eines Ihrer Kinder beschließen, selbst als Fotograf zu arbeiten – was würden Sie ihm empfehlen?
Unabhängig von der Fotografie ermutige ich meine Kinder immer, ihrer Leidenschaft zu folgen und ihre eigene Stimme in der Welt zu finden. Eines von ihnen hat das auf die Spitze getrieben und radelt jetzt ganz allein von Boston nach Patagonien. Ich bin stolz und als Mutter verständlicherweise auch ein bisschen ängstlich. Ich würde genau dasselbe zur Fotografie sagen. Ich würde sie ermutigen, ihre Stimme und ihre Leidenschaft zu finden und aus ihrer Komfortzone herauszukommen, um kreativ und motiviert zu bleiben.

Halten Sie immer noch familiäre Momente fest?
Leider sind meine Kinder keine willigen Teilnehmer mehr. Aber meine Töchter inspirieren mich immer noch sehr bei meiner Arbeit. Alle Frauen, die ich bei meinen Projekten fotografiere, sind im Alter meiner Töchter. In gewisser Weise habe ich das Gefühl, dass ich sie fotografiere!

Rania Matar, geboren und aufgewachsen im Libanon, zog 1984 in die USA. Studium der Architektur, später auch der Fotografie unter anderem an der New England School of Photography. 2018 Auszeichnung mit dem Guggenheim Fellowship. 2021 erschien ihr Buch She (Radius Books), eine Serie von Porträts, die Frauen und das Frausein über kulturelle Grenzen hinweg zeigt. Lehrauftrag am Massachusetts College of Art and Design. Im März 2022 war Matar eine der Gewinnerinnen des Leica Women Foto Project Award, ein Preis für Fotografinnen, den Leica Camera USA jährlich ausschreibt. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Rania Matar auf ihrer Website und in ihrem Instagram-Kanal.

In der LFI 6/2022 LFI Magazin ist ein Interview mit Rania Matar erschienen.