Die Ausstellung präsentiert einen spannenden Querschnitt aus den wichtigsten Stationen seines umfangreichen Œuvres. Neben Aufnahmen aus Venzagos legendären Serien zu den japanischen Yakuza oder dem Voodoo-Kult in Benin sind in Wetzlar auch zahlreiche Porträts und freie Arbeiten zu sehen.

Sie belegen, wie präzise und einfühlsam Venzago seine Motive aufgenommen hat – aber manchmal spielt auch der Zufall eine Rolle. Im Interview stellt er einige seiner Fotografien genauer vor.

Sie verbindet eine lange Freundschaft mit Tina Turner, die ganz in Ihrer Nähe wohnt.
Ja, wir arbeiten schon einige Jahre zusammen und jedes Mal ist es etwas Besonderes, sie zu treffen. Dieses Porträt ist mein absolutes Lieblingsbild von ihr. Es entstand unmittelbar nach einer Sitzung in ihrem buddhistischen Meditationsraum. Ich filmte sie während zweier Mantras, die sie in die Kamera sprach oder besser sang. Ich war so erschlagen von der Wucht der Präsenz und bat Tina flüsternd, noch eine Sekunde so zu verharren. Es war totale Stille. Ich getraute mich fast nicht, die Kamera auszulösen. Dreimal drückte ich ab. Sie blieb regungslos. Sie hat mich mitgenommen auf ihre Reise.

Es scheint, als seien sie auch dem deutschen Regisseur Rainer Werner Fassbinder ganz nahegekommen.
Ihn traf ich bei den Dreharbeiten zu seinem letzten Film, es war eine merkwürdige Situation. Das hier gezeigte Bild entstand in einem Vorgespräch, aber er schlug mir dann vor: „Wenn Du ein wirklich tolles Bild willst, dann machen wir etwas anderes.“ Er legte sich mit Hut und Sonnenbrille auf den Boden, sein Bierglas stellte er neben sich ab, das Licht fiel durch die Jalousie auf sein Gesicht – so als ob es in einem seiner Filme sei – und sagte: „So wird man mich finden.“ Ich machte das Bild. Und tatsächlich wurde er nach seinem Tod im selben Jahr so aufgefunden, wie er es mir vorgemacht hatte. Ich hatte seine Vorahnung fotografiert. Nur: Das Bild existiert nicht mehr, der Film ist irgendwann bei Magnum Photos verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Aber das Bild habe ich noch immer im Kopf, im Herzen oder in der Seele. Ein Bild, das ich nie wieder vergesse, obwohl es nicht mehr existiert. Das fünf Minuten vorher entstandene Bild ist daher für mich nur ein Stellvertreter, eine Erinnerung an das verlorene Bild.

Ottilia in meinem Studio, Zürich 1989

Das Spiel mit Licht- und Schatten hat bei vielen Ihrer Motive eine große Bedeutung.
Ja, ich liebe dieses Licht. Eine Hommage an die Filme der 1940er-Jahre, voller Magie. Ein Großteil des Bilds bleibt im Dunkel und jeder kann sich seine Gedanken dazu machen. Das Motiv war keine Auftragsarbeit, sondern Ottilia ist eine Kollegin. Das Bild ist in meinem Studio entstanden, ganz nebenbei. Ich bin ja wie ein Pianist, der jeden Tag Fingerübungen machen muss. Noch heute fotografiere ich jeden Tag.

Lisa, New York 1988

Auch diese Aufnahme lebt vom Licht und einer dichten Atmosphäre.
Ich liebe das Licht in New York. Es ist unglaublich stark, auch die Kontraste. Das ist wie das Leben in der Stadt, die Gegensätze zwischen arm und reich, zwischen oben und unten, zwischen Licht und Schatten, hell und dunkel. Das Bild entstand für ein Plattencover, Lisa war Sängerin. Ich wollte nicht in ein Studio, sondern wir haben das Porträt draußen gemacht. Ich mag ihren Blick; mit schönem Licht und einem schönen Gesicht wird dir als Fotograf einfach ein Bild geschenkt.

Straße ins Nirgendwo, Wüste Sinai 1982

Noch ein Wegweiser, einer mit beinahe philosophischer Aussage, aber in einem ganz anderen Teil der Welt.
Ja, da kann man alles hineininterpretieren, eine „Road to Nowhere“ oder was auch immer. Ich machte mich damals von Israel auf den Weg nach Ägypten – auf dem Landweg, als die Grenze wieder geöffnet wurde. Ich bin mit einem Taxi an die Grenze gefahren, musste dann mit meinem ganzen Gepäck etwa 80 Meter zu Fuß gehen. Auf der anderen Seite stand ein alter Mercedes, der mich nach Kairo gebracht hat. Unterwegs sah ich auf einmal diesen leeren Wegweiser. Das entsprach damals auch meiner innerlichen Befindlichkeit – ich hatte Liebeskummer – und ich musste das Gerüst einfach fotografieren.

Staten-Island-Fähre, New York 1988

Wie ist dieses Bild entstanden?
Damals wohnte ich in New York und ich machte eine Werbekampagne für ein Modelabel. Die Mode hat mich überhaupt nicht interessiert, aber der Stil. Ich wollte New York einfach ein bisschen anders zeigen. Hier wollte es der Zufall, dass ich auf der Fähre das Model direkt neben dem Fernglas stehen sah. Es war eiskalt. Rückblickend haben in dem Bild natürlich die Twin Towers viel größeres Gewicht. Die gibt es nicht mehr, damals waren sie Symbole für New York. Dadurch hat das Bild für mich heute eine zweite Ebene. Man kann viel in dieses Bild hineininterpretieren – und das mag ich einfach.

Schaulustiger, Hongkong 2014

Wie viel Zufall ist bei Ihren Aufnahmen im Spiel?
Diese Aufnahme entstand auf der Art Basel Hongkong und ich bin den ganzen Tag auf der Messe herumgestrolcht und sah dann diese Szene. Die Aufnahme ist von einem Fotografen aus Singapur und dann ergab sich dieser unglaubliche Moment des Manns mit der Glatze. Die Perspektive stimmt einfach, das Größenverhältnis nicht, aber trotzdem oder gerade deshalb funktioniert das Bild. René Burri, der ja auch einer meiner Mentoren war und mit dem ich in Paris vier Jahre zusammengewohnt habe, sagte mir einmal „Weißt du, wenn du Street Photography machen willst, dann schaue, dass du einen guten Hintergrund hast. Und dann warte einfach.“ So entstehen die tollsten Motive. Auch hier sehen wir ein geschenktes Bild, das aus dem Moment heraus entstand.

Der Schweizer Fotograf, Bildjournalist und Filmemacher Alberto Venzago, geboren am 10. Februar 1950 in Zürich, entschied sich nach dem Studium der Heilpädagogik und der Klarinette mit Mitte zwanzig als Autodidakt für die Fotografie. Rasch erfolgreich, arbeitete er auch vier Jahre für die Agentur Magnum Photos, publizierte in Life, Stern und Geo. Er pendelt mühelos zwischen fotojournalistischer Dokumentation, freier künstlerischer Arbeit und Werbefotografie. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem renommierten ICP Infinity Award. Venzago lebt und arbeitet in Zürich. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Alberto Venzago auf seiner Website.

Die Ausstellung Alberto Venzago – Stylist der Wirklichkeit läuft bis zum 14. Mai 2023. Weitere Informationen und die Öffnungszeiten finden Sie auf der Website des Ernst Leitz Museums.

Der Steidl Verlag hat begleitend zur Ausstellung die Monografie Taking Pictures, Making Pictures veröffentlicht.

Die Ausgabe 4/2021 der LFI enthält ein umfangreiches Portfolio von Alberto Venzago.