Roversi, sonst vor allem als Modefotograf bekannt, verwendet in dieser Serie subtile Farben und traumartige Sequenzen, um über ein Land zu berichten, das er als sanft und hoffnungsvoll präsentiert.

Was fasziniert Sie an Indien?
Indien ist ein fantastisches Land, ganz weit weg von uns und mit einer ganz anderen Lebensphilosophie. Ich bin an verschiedene Orte gereist, an die Ostküste, nach Madras (heute offiziell Chennai) und Madurai, und ich kann nur sagen: Ich mag dieses Land sehr.

Was wollten Sie mit ihren Bildern zeigen?
Meine Absicht war es, ein lächelndes, sehr süßes Indien vorzustellen, kein von Armut zerstörtes, sehr verzweifeltes. Ich wollte die sehr süßen Menschen und das süße Land zeigen, voller Liebe und voller Hoffnung. Ich habe versucht, das Lächeln Indiens einzufangen, nicht die Tränen. Ich habe nicht versucht, wie ein Tourist zu fotografieren, ich wollte etwas Intimeres, um mehr Vertrautheit mit Indien zu erzeugen.

Ihre Reisereportage wird jetzt erstmals ausgestellt. Was unterscheidet sie von Ihren anderen Arbeiten, von ihrer Modefotografie?
Beide ähneln sich in meinen Augen. Fotografie ist für mich immer ein Porträt. Wenn ich das Porträt eines Models oder eines Inders oder eines kleinen Markts mache – es bleibt das gleiche: Fotografie ist für mich immer ein Porträt von etwas.

Wie sind Sie der Bevölkerung begegnet und nahe gekommen?
Wenn ich arbeite, bin ich immer näher an den Menschen. Die Kamera ist eine Art Lizenz: Mit ihr kann man nah dran sein. Und ich gehe sehr sanftmütig und friedlich mit Menschen um. Normalerweise vertrauen sie mir schnell, sodass ich mich ihnen nähern kann.

Wie gehen Sie bei der Motivauswahl vor? Wie entscheiden Sie sich?
Es ist einfach ein Gefühl. Wenn mich ein Motiv anzieht, fotografiere ich es, wenn nicht, lasse ich es. Ich schätze es, etwas zu sehen, das mich berührt und eine Emotion in mir hervorruft. Dann mache ich ein Foto, um dieses Bild zu würdigen. So einfach ist das. Es ist, als ob man an einem Tisch voller Essen sitzt und sich aussucht, was man will, man wählt aus, was einem schmeckt, und isst nicht alles, was auf dem Tisch steht.

Es scheint, als erschaffen Sie durch viele einzelne Porträts und Objekte – Blumen, Bettwäsche, Gebäude – eine Erzählung des Ganzen. Ist das die Ausdruckskraft von Details?
Wenn ich ein Detail fotografiere, erzähle ich eine Geschichte, und das macht es ausdrucksstark. Für mich ist alles im Rahmen, in dem kleinen Rechteck, wichtig. Die Farbe, der Wind, die Stimmung. Mit meinen Bildern möchte ich einfach nur Liebe hervorrufen. Ich glaube, ein Foto zu machen, ist für mich fast eine Frage der Liebe.

Wie sieht Ihr fotografischer Prozess aus?
Ich versuche nie, meine Arbeit zu analysieren, und halte sie fließend und unbestimmt. Ich erkläre nur ungern, was ich tue oder zu tun versuche. Ich mag es nicht, das, was ich tue, zu verstehen und zu analysieren. Alles soll ganz unbestimmt bleiben. Meine Fotografie ist nie vollständig durchgeplant: Ich lasse dem Zufall immer Raum, Dingen, die unerwartet passieren. Das gefällt mir, ich möchte ein Bild nicht genau planen. Falls doch, bin ich vom Ergebnis immer enttäuscht. Ich ziehe die Teilhabe an einem Schicksal vor, das völlig offen ist.

In Ihren Bildern liegt eine große Zärtlichkeit und Sensibilität. Wie lassen Sie die Rolle des reinen Beobachters hinter sich und werden zum Teil des Settings?
Es ist sehr schwer zu erklären. Das ist meine Arbeit, ich bin Fotograf. Diese Arbeit besteht darin, sehr nah an meinem Thema zu sein und mit ihm einen intimen Austausch zu pflegen. Was meine Protagonistinnen und Protagonisten betrifft: Ich gebe und nehme von ihnen.

Ihre Bilder lassen den Betrachter in die Atmosphäre einer Gemäldegalerie eintauchen. Welche Kunstrichtung hat Sie besonders beeinflusst?
Ich bin natürlich von der Ikonografie beeinflusst, der ich in meinen jüngeren Jahren begegnete. Die italienische Renaissance oder Maler wie Vermeer und Thomas Gainsborough haben mich wirklich inspiriert. Licht ist das Wichtigste in der Fotografie, und ich denke, es ist immer wichtig, die Hoffnung, die Träume und die Vorstellungskraft zu bewahren. Und Schönheit ist mir sehr wichtig – sie ist ein großer Antrieb für meine Arbeit.

Welche Bedeutung hat die Kamera für Ihre Arbeit?
Die technische Seite ist sehr wichtig, aber ich bin nicht davon besessen. Natürlich arbeite ich gern mit Kameras, mit Filmen, aber ich bin sehr offen für Unfälle, für Dinge, die passieren und am Ende für Dinge, die ich noch nicht gesehen habe. Ich genieße es, unerwartete Dinge zu erleben, die mich überraschen. Bei dieser Serie habe ich die Leica M6 mit einem 50er-Noctilux verwendet. Die Kamera ist sehr leicht, einfach zu bedienen, einfach zu handhaben, scharf auch im Licht. Ich arbeite immer gern mit weit geöffneten Objektiven, komplett offen, und das Noctilux ist fantastisch, weil das, was scharf sein soll, auch wirklich scharf ist.

Was ist für Sie ein gutes Foto?
Ein gutes Foto ist eines, das mich emotional berührt. Wenn ein Foto etwas für jemanden ausdrückt – dann ist es ein gutes Foto.

Paolo Roversi begann seine Karriere 1970 mit fotojournalistischen Aufträgen, wandte sich aber bald der Modefotografie zu. Er hat u.a. Kampagnen für Dior, Cerruti, Valentino und Alberta Ferretti produziert. Viele Ausstellungen und internationale Zeitschriften haben seine Arbeiten präsentiert, sie sind zudem in einer Reihe von Monografien erschienen. Roversi ist Autor des Pirelli-Kalenders 2020. Er lebt in Paris. Erfahren Sie mehr über seine Arbeit auf seiner Website, in seinem Instagram-Kanal und auf der Website der Leica Galerie Paris.

Leica M

The Leica. Yesterday. Today. Tomorrow.