Seit 2009 besucht Roland Knipfer die Touristenhochburg Benidorm an der Costa Blanca und hält dort das ausgelassene Treiben zahlreicher Badegäste fest. In den 15 Jahren seines Langzeitprojekts ist die Stadt immer größer und höher geworden, und die jährlich fünf Millionen Touristen sind Darsteller eines sich wiederholenden Spektakels, das jedes Mal neue Facetten hervorbringt.
Was fasziniert Sie an Benidorm – und warum ist ausgerechnet dieser Ort Sujet Ihres Projekts?
Eine Tante meiner Frau lebte in El Paradiso, einer kleinen, ruhigen Urbanisation, circa 20 Kilometer von Benidorm entfernt. Bei meinem ersten Besuch dort erkundete ich die Umgebung und war sofort – auf eine schaurige Art – fasziniert von dem unglaublichen Treiben. Schnell war die Idee zu einem Langzeitprojekt geboren. Aufgrund der persönlichen Beziehung zu dieser Region hatte ich ein- bis zweimal jährlich die Gelegenheit, die Auswüchse des Massentourismus auf mich wirken zu lassen und mit der Kamera festzuhalten. Die Stadt hat in den vergangenen Jahrzehnten eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Noch in den 1950ern war Benidorm ein verschlafenes Fischerörtchen, heute ist es – bezogen auf die Einwohnerzahl – die Stadt mit der weltweit größten Hochhausdichte.
Welche Stimmung wollten Sie mit Ihren Bildern einfangen?
Mich interessieren Menschen, aber nicht ihre Fotogesichter, sondern ihr Verhalten, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Das meine ich durchaus positiv, denn wir alle haben gelernt, uns im Alltag gesellschaftlichen Regeln entsprechend zu benehmen. Dieses erlernte Verhalten entspricht aber oft nicht unserer tatsächlichen Gefühlslage. Im Urlaub und gerade in der Anonymität einer Touristenhochburg wie Benidorm erlauben wir uns, ähnlich wie im Karneval, die gesellschaftlichen Konventionen etwas aufzulockern und mehr oder weniger unzensiert ein Gesicht zu zeigen, das unsere Emotionen widerspiegelt.
Wie finden Sie Ihre Alltagsmomente?
Das ist ungefähr so, wie wenn man im Wald versucht, Bäume zu finden: Es geht gar nicht anders. Ich lasse mich mit offenen Augen und kindlicher Neugier durch das Geschehen treiben und die Eindrücke auf mich wirken. Dabei ist es mir wichtig, selbst ein Teil dieses Geschehens zu sein und nicht wie ein Beobachter von außerhalb daraufzublicken. Letztendlich hat das auch etwas mit Fairness zu tun. Wenn ich Leute schon ungefragt fotografiere, möchte ich das zumindest nicht heimlich aus großer Distanz tun. Ich verberge meine Kamera nicht und bin immer sehr nah an den Personen.
Wie sieht Ihr fotografischer Prozess genau aus?
Ich habe meine Kamera immer schussbereit in der Hand, und sobald sich etwas Lohnendes ergibt, hebe ich sie ans Auge. Das bleibt oft nicht unbemerkt, denn da ich ausschließlich weitwinkelig fotografiere, befinden sich die Menschen manchmal nur eine Armlänge von mir entfernt. Allerdings fällt der erste Schuss bereits auf dem Weg der Kamera zum Auge. So kann ich einen Eindruck festhalten, wie ich ihn wahrgenommen habe, noch bevor jemand die Gelegenheit hat, auf mich zu reagieren. Ich fotografiere bei diesem Projekt grundsätzlich ohne Blitz und ohne Stativ, nur so bin ich unauffällig und flexibel genug.
Welche Bedeutung hat die Leica Kamera für Ihr Projekt?
Die Leica Philosophie, bei der Konstruktion einer Kamera auf unnötigen Schnickschnack zu verzichten und sich stattdessen auf das zu beschränken, was dem Fotografen und dem Bildergebnis dient, entspricht zu 100 Prozent meiner eigenen Sichtweise. Diese Übereinstimmung ermöglicht es mir, meine Leica als einen Teil von mir zu empfinden. Das Gefühl, eine Einheit mit meiner Kamera zu bilden, ist mir besonders wichtig, anderenfalls könnte ich nicht so unbeschwert und selbstverständlich mit ihr agieren, wie es für meine Art zu fotografieren nötig ist. Natürlich hilft auch die kleine und unauffällige Erscheinung der Kamera, möglichst lange unentdeckt zu bleiben. Bei den M-Kameras habe ich in der Regel ISO, Zeit und Blende auf 5,6 bis 8 voreingestellt, sowie, je nach Begebenheit, das Objektiv auf eine Entfernung von ein bis zwei Metern.
Ihre Bilder erinnern ein wenig an die Bade- und Strandaufnahmen von Martin Parr – haben Sie fotografische Vorbilder?
Ohne mich mit dem großartigen Martin Parr vergleichen zu wollen, ist er natürlich eines meiner fotografischen Vorbilder in Bezug auf Bildsprache und die Sichtweise auf Menschen und ihr Freizeitverhalten. Aber auch Bruce Gilden hat mich beeinflusst, mit seiner Art nah an den Leuten zu sein, und schnell zu fotografieren um einen Augenblick festzuhalten, noch bevor er durch die Anwesenheit einer Kamera zerstört werden kann.
Welche Rolle spielen für Sie der richtige Moment und der Humor in der Fotografie?
Der richtige Moment ist für mich entscheidend für die Wirkung eines Bildes, aber zugegebenermaßen oft schwer zu erwischen, weil er vorbei sein kann, noch bevor man ihn bemerkt hat. Manchmal zeigt es sich erst bei der Sichtung der Bildergebnisse, dass eine vielversprechende Szenerie ausdruckslos bleibt, weil der entscheidende Moment verpasst wurde. Humor ist ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit – jedenfalls hoffe ich das. Ich versuche, jede noch so seltsame Begebenheit mit einem Augenzwinkern zu sehen, ohne die unfreiwilligen Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Aufnahmen mit Personen sind für mich vor allem dann gelungen, wenn sie beim Betrachter ein Schmunzeln hervorrufen, aber keine peinlichen Gefühle.
Bio: 1962 in Nürnberg geboren, studierte Roland Knipfer Fotodesign an der Lazi Akademie in Esslingen, anschließend verbrachte er die meiste Zeit seines Berufslebens als freier Fotograf in der Werbebranche. Vor zwei Jahren gab er die Berufsfotografie auf und betreibt heute mit AVENIDA Jewelry ein eigenes Schmucklabel. Das Langzeitprojekt El Paradiso/Benidorm ist sein letztes fotografisches Thema und wurde kürzlich im Leica Store in der Brienner Straße in München präsentiert.
Equipment: M8, M9, M (240), Summicron-M 1:2/28 Asph, Summilux-M 1:1.4/35 Asph, Q2
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