Die Reise durch Georgien, auf Polnisch Gruzja, war für Tytus Grodzicki eine Premiere. Mit weit offenen Augen und schussbereiter Kamera, legte er viele Routen zu Fuß zurück oder bewegte sich in Taxis und kleinen Bussen (Marschrutka). Seine Route führte ihn von Tiflis im Osten über Batumi und Swanetien im Westen bis zum Goderdzi-Pass im Süden – gefolgt von ein paar Tagen jenseits der Grenze in der Türkei. Der polnische Fotograf sprach mit uns über seine Arbeitsweise und über die Erfahrungen, die er auf der Reise gemacht hat.

Was hat Sie dazu bewogen, den Alltag in Georgien zu beobachten? Waren Sie vorher schon einmal dort?
Es war mein erster Besuch in Georgien. Ich hatte keine Verbindung zu dem Land, aber manchmal lasse ich mich gern von meiner Arbeit überraschen. Ich hatte einige Bücher über die jüngere Geschichte Georgiens gelesen und war neugierig darauf. Als Bürger eines Landes, das unter dem Einfluss der UdSSR stand, bin ich auch neugierig auf Länder, die ihre Unabhängigkeit erlangten und nach dem Zusammenbruch der UdSSR entstanden sind.

Bitte erzählen Sie uns etwas über die Städte, Landschaften und die Einheimischen. Was ist Ihnen an Land und Leuten aufgefallen?
Georgien ist ein sehr gebirgiges Land – überall um dich herum gibt es Berge, höhere und niedrigere. Es ist auch ein Land am Rande des Abgrunds, und zwar aus vielen Gründen. Es ist stark beeinflusst, wie früher schon von Russland und dann der UdSSR. Es ist ein Land zwischen Europa und Asien. In der Region Batumi geht es beinahe tropisch zu, während im Kaukasus im Norden ein strengeres Klima herrscht. Das Land ist heute auch ein beliebtes Touristenziel – ich bevorzuge allerdings weniger überfüllte Orte.

Welche besonderen Begegnungen oder Anekdoten haben Sie erlebt?
Es gab viele asiatische Touristen, wirklich viele, ganze Busladungen. In Europa sind wir an japanische Touristen gewöhnt, aber dort waren es Russen – das war seltsam, aber es zeigt, wie Stereotype funktionieren. Mir fiel auch auf, dass häufig Alkohol auf der Straße, beim Warten auf den Bus, in der Nähe eines Geschäfts oder in vielen anderen Situationen angeboten wird. Man muss also standhaft sein, um zu überleben. (lacht)

Was hatten Sie beim Fotografieren im Fokus?
Ich interessiere mich besonders für das tägliche Leben, für das Leben um uns herum. Ich möchte Offenheit vermitteln für das Unbekannte, für die Schönheit der einfachen Dinge, für die Schönheit der kleinen Gesten und Emotionen unter Menschen. Das tägliche Leben ist universell für alle – es ist sehr einfach, aber es ist auch sehr wichtig. Ich glaube, dass die Fotografie die Möglichkeit hat, Wissen über die Dinge zu teilen, die um uns herum oder nicht weit von uns entfernt sind. Sie erleichtert den Austausch von Ideen und bietet eine kleine Gelegenheit, gegen Stereotype anzukämpfen.

Warum haben Sie sich bei dieser Serie für Schwarzweiß entschieden?
Wie schon in meinen vorherigen Projekten interessieren mich vor allem Formen, Kompositionen, Gesten und Menschen. Manchmal haben Farben einen zu großen Einfluss auf diese Aspekte – weshalb ich Schwarzweiß auch in diesem Fall bevorzugt habe.

Verwenden Sie nur verfügbares Licht und bearbeiten Sie Ihre Arbeiten in der Postproduktion?
Ich verwende hauptsächlich verfügbares Licht und schätze dabei die Fähigkeiten des Leica Messsuchers sehr. Ich nehme Raw-Dateien auf, sodass alle meine Arbeiten durch die Postproduktion laufen. Ich fotografiere in Farbe und bearbeite die Bilder dann mit digitalen Versionen analoger Dunkelkammerwerkzeuge.

Wie finden Sie generell ihre Themen und Erzählungen?
Ich mag Menschen und versuche, sie in meine Arbeit einzubeziehen. Ich habe mich dafür entschieden, ehrliche Aufnahmen zu machen, ohne in die Szenen einzugreifen, die ich sehe.

Haben Sie fotografische Vorbilder? Wer hat Sie beeinflusst?
Natürlich gibt es viele. Ich empfehle dringend, Fotobücher durchzublättern – ich denke, das ist der beste Weg, um nach Inspiration zu suchen. Auch Zeitschriften wie LFI, Fotofestivals und Ausstellungen haben in dieser Hinsicht einen hohen Stellenwert.

Mit welchem Leica Kamerasystem haben Sie dieses Projekt realisiert?
Die Leica M ist seit einiger Zeit meine Hauptkamera. Ich habe mit der M9 angefangen, weitergemacht mit der M (Typ 240) und verwende jetzt die M10P. Als Backup dient mir eine Ricoh GR3. Dieses Projekt entstand fast ausschließlich mit der M (Typ 240) und dem Summicron-M 1:2/35 ASPH., einige Aufnahmen auch mit der GR3. Ich verwende selten andere Brennweiten als 35 mm – das passt am besten zu meiner Art, zu sehen. Ich fühle mich sehr wohl mit dem Summicron-M. Die Größe, das Gewicht und nicht zuletzt die Bildqualität sind bei diesem Objektiv und bei dieser Kombination perfekt aufeinander abgestimmt.

An welchen aktuellen oder zukünftigen Projekten arbeiten Sie? Wohin geht es als nächstes?
In meinem neuen Projekt geht es um Spanierinnen und Spanier während der Wallfahrt nach El Rocío in Andalusien. Ein paar Aufnahmen aus diesem Projekt habe ich letzten Monat auf dem X FotoArtFestival in Bielsko-Biala, Polen, gezeigt. Mein Hauptinteresse gilt dem Mittelmeerraum, und ich denke, ich werde in diesem Teil der Welt noch einiges erkunden. Ich ziehe es vor, länger an etwas zu arbeiten und habe viele Projekte am Laufen – ich werde sehen, wohin sie mich führen.

Tytus Grodzicki, 1972 in Poznan, Polen, geboren, schloss 1995 das Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Poznań mit einem Master ab. Er lebt auch weiterhin in Poznan. Arbeiten von ihm sind in DOC! Photo Magazine, Magazyn Pokochaj Fotografie und der LFI 4/2020 erschienen. 2018 kam sein Fotobuch Deglet Nour heraus. Er ist Mitglied des Polnischen Verbands der Kunstfotografen, Region Wielkopolska. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Tytus Grodzicki auf seiner Website und in seinem Instagram-Kanal.

Leica M

The Leica. Yesterday. Today. Tomorrow.